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Buffon über die Wüste und das Kamel

Oben: Messak-Wüste mit altem Pfad (mrîra), Südosten Libyen
Unten: Graffito, Medina, Tripolis

Georges Louis Leclerc Graf von Buffon (1707-1788) war zu seiner Zeit der grösste Naturforscher Frankreichs und ein Wissenschafter von bedeutendem Einfluss. Er leitete den „Jardin du Roi“, aus dem später das „Muséum National d‘Histoire Naturelle“ in Paris hervorging, und veröffentlichte von 1749 an eine 49 Bände umfassende „Histoire naturelle“.
Wir drucken aus der „Naturgeschichte der vierfüssigen Tiere“ eine Passage ab, in der Buffon die Wüste beschreibt, die er nur aus fremden Reiseberichten kannte, und das damalige Wissen über das Kamel zusammenfasst.
Als Quelle wurde die deutsche Ausgabe „Herrn von Buffons Naturgeschichte der vierfüssigen Tiere. Aus dem Französischen übersetzt von Bernhard Christian Otto, Band 9 (Berlin 1784), verwendet. Die alte Übersetzung wurde moderat modernisiert und der Schreibweise von heute angenähert.

Man stelle sich ein Land ohne Grünes und Wasser vor, eine brennende Sonne, einen stets trockenen Himmel, sandige Ebenen, Gebirge, die noch dürrer sind, nach welchen das Auge hinauf blickt und von denen aus der Blick sich verliert, ohne bei irgend einem lebendigen Gegenstand still stehen zu können, eine erstorbene und so zu reden von den Winden geschundene Erde, die nichts als Gebeine, Kieselhaufen, stehende oder umgestürzte Felsen darbietet, eine ganz offene Wüstenei, wo der Reisende nie im Schatten Luft geschöpft hat, wo nichts ihn begleitet, nichts ihn an die lebende Natur erinnert, eine vollkommene Einöde, die tausendmal abscheulicher ist als die in den Wäldern, denn die Bäume sind noch Wesen für den Menschen, der sich allein sieht; er kommt sich einsamer, entblösster und verlorener vor in diesen leeren grenzenlosen Gegenden und sieht den weiten Raum als sein Grab vor sich: das Licht des Tages geht ihm trauriger als der Schatten der Nacht auf, bloss um seine Blösse und Ohnmacht sichtbar zu machen, und ihm das Gräuliche seiner Lage darzustellen, indem eben dieses Licht die Grenzen der Leere vor seinen Augen aufhebt und eine über alle Massen unermessliche Weite, die ihn von der bewohnten Erde trennt, um ihn her ausbreitet; eine Weite, die er vergebens versuchen würde zu durchlaufen, denn jeden Augenblick, den er noch zwischen der Verzweiflung und dem Tod übrig hat, wird er von dem Hunger, Durst und der brennenden Hitze gemartert.

Nichts desto weniger hat der Araber durch die Beihilfe des Kamels durch diese Lücken der Natur durchzukommen und sie sich anzueignen gewusst. Sie dienen ihm zur Freistätte, sichern ihm seine Ruhe, und schützen ihn in seiner Unabhängigkeit. Allein was wissen die Menschen zu nutzen, ohne einen Missbrauch davon zu machen? Eben dieser freie, unabhängige, ruhige und sogar reiche Araber besudelt die Wüsten, die er als Vormauern seiner Freiheit schützen sollte, mit Verbrechen; er reist durch dieselben, um bei benachbarten Nationen Sklaven und Gold zu stehlen; er bedient sich ihrer zum Strassenraube, den er leider noch mehr als seine Freiheit geniesst, denn seine Unternehmungen gelingen ihm fast immer. Obgleich seine Nachbarn ihm gar nicht trauen und ihm an Macht überlegen sind; so entkommt er doch ihren Nachsetzungen und bringt alles ungestraft mit sich fort, was er ihnen geraubt hat.

Ein Araber, der sich zum Handwerk des Strassenräubers bestimmt, härtet sich zeitig zu den mit den Reisen verbundenen Strapazen ab; er stellt Proben an, sich des Schlafes zu enthalten, Hunger, Durst und Hitze auszustehen, er richtet zugleich seine Kamele ab, erzieht sie und übt sie in Dinge ein, die zu eben dieser Absicht nötig sind.

Einige Tage nach ihrer Geburt biegt er den Kamelen die Beine unter dem Bauch, zwingt sie, auf der Erde liegen zu bleiben und belädt sie in dieser Lage mit einem ziemlich grossen Gewicht, welches sie tragen lernen müssen und welches er ihnen nur dann abnimmt, wenn er ihnen eine noch schwerere Last auflegen will. Anstatt sie immerfort weiden und, wenn sie dürstet, saufen zu lassen, fängt er an, ihre Mahlzeiten einzuteilen, lässt allmählich zwischen denselben eine längere Zeit verstreichen, und gibt ihnen auch immer weniger Nahrung. Wenn sie ein wenig zu Kräften gekommen sind; so übt er sie im Laufen, ermuntert sie dazu durch das Beispiel der Pferde und bringt es darin so weit, dass er sie eben so hurtig und stärker im Aushalten macht.

Endlich, so bald er von der Stärke, Geschwindigkeit und Mässigkeit seiner Kamele überzeugt ist; so belädt er sie mit allem, was zu seinem und ihrem Unterhalt nötig ist, er reitet mit ihnen aus, kommt unversehens an die Grenzen der Wüste, hält die ersten Reisenden, die ihm begegnen, an, legt die Beute auf seine Kamele, und wenn er verfolgt wird, so, dass er genötigt ist, über Hals und Kopf die Flucht zu ergreifen, alsdann lässt er alle seine und ihre Talente sehen; er steigt auf eines der schnellsten, führt den Trupp an und lässt denselben Tag und Nacht, fast ohne anzuhalten und ohne zu saufen und zu fressen, forttraben; er legt ohne Mühe dreihundert Meilen (lieues) in acht Tagen zurück, und während dieser Zeit voller Strapatzen und Bewegung lässt er seine Kamele unter der Last und gibt ihnen jeden Tag nichts mehr als eine Ruhestunde und einen Teigklumpen. So laufen sie oft neun bis zehn Tage, ohne Wasser zu finden, sie behelfen sich ohne Saufen, und wenn sich einmal eine Pfütze in einiger Entfernung von ihrem Wege befindet; so wittern sie das Wasser über eine halbe Meile, sie verdoppeln alsdann wegen des Durstes, der sie quält, ihre Schritte und trinken auf ein einziges Mal für die ganze vergangene Zeit; denn ihre Reisen währen oft viele Wochen, und ihre Fastenzeiten dauert eben so lange wie ihre Reisen.

In der Türkei, in Persien, in Arabien, in Ägypten, in der Barbarei, u.s.w. werden die Kaufmannsgüter bloss durch die Kamele fortgebracht. Dies ist die hurtigste und wohlfeilste Frachtmaschine. Die Kaufleute und andere Reisende begeben sich in Karawanen zusammen, um den Anfällen und Raubzügen der Araber zu entgehen. Diese Karawanen bestehen immer aus mehr Kamelen als Menschen. Jedes dieser Kamele wird nach seiner Stärke beladen, es fühlt dieselbe selbst so genau, dass, wenn man ihm eine zu starke Last auflegt, es selbige nicht annehmen will und so lange liegen bleibt, bis man sie vermindert hat. Gemeinhin tragen die grossen Kamele eine Last von tausend bis zwölfhundert Pfund, und die kleineren sechs bis sieben hundert. Da der Weg oft sieben bis acht hundert Meilen beträgt; so teilt man ihre Bewegung und Tagesreisen ordentlich ein. Sie gehen alsdann nur im Schritt und legen jeden Tag zehn bis zwölf Meilen zurück. Wenn man in einem grünen Land auf einer guten Wiese ankommt, so nehmen sie in weniger als einer Stunde so viel zu sich, als sie brauchen und die ganze Nacht über wiederzukäuen. Sie finden aber selten dergleichen schöne Weiden, und diese zarte Nahrung haben sie auch gar nicht nötig. Sie scheinen sogar den Wermut, die Distel, die Nessel, den Ginst, die Acacia, und andere stachlige Gewächse dem weichsten Grase vorzuziehen.

Übrigens ist die ihnen geläufige Kunst, sich eine lange Zeit des Trinkens zu enthalten, keine blosse Gewohnheit, sondern vielmehr eine Wirkung ihrer Anpassung. Es findet sich bei dem Kamel, ausser den vier Mägen, die bei den wiederkäuenden Tieren gemeinhin angetroffen werden, noch ein fünfter Beutel, der ihm als Behälter dient, um das Wasser aufzubewahren. Dieser fünfte Magen fehlt anderen Tieren und ist allein dem Kamel eigen. Er ist von so geräumiger Weite, dass er eine grosse Menge Flüssigkeit in sich fassen kann. Diese hält sich darin auf, ohne in Fäulnis zu geraten und ohne dass die übrigen Nahrungsmittel sich damit vermischen können. Wenn das Tier vom Durst geplagt wird oder das trockene Futter einweichen und durch Wiederkäuen zu einem Brei machen will; so lässt es einen Teil dieses Wassers durch ein blosses Zusammenziehen der Muskeln in seinen Wanst und bis an den Schlund zurücklaufen. Vermöge dieser sonderbaren Einrichtung kann das Kamel sich viele Tage ohne Saufen behelfen.

Wenn man die üble Gestalt oder vielmehr die Ungleichheit des Kamels mit anderen Tieren erwägt; so wird man nicht daran zweifeln können, dass seine Natur durch die zwangvolle Sklaverei und durch das unablässige Arbeiten eine beträchtliche Veränderung erfahren habe. Das Kamel ist seit jeher in einem vollkommeneren Grad und auf eine mühsamere Weise Sklave als irgend ein anderes Haustier; seit alters her, weil es sich in den Gegenden aufhält, wo die Menschen zu allererst in eine gesellschaftliche Verbindung getreten sind; und in einem vollkommeneren Grade, weil man bei den anderen Gattungen von Haustieren, etwa bei der Gattung des Pferdes, des Hundes, des Ochsen, des Schafes, des Schweines, u.s.w. doch noch einzelne im Stand der Natur, Tiere der gleichen Art, die wild sind und die der Mensch sich nicht unterworfen, findet. Endlich ist es auf eine mühsamere Art Sklave als irgend ein anderes Tier, weil man es nie weder zur Pracht, wie die meisten Pferde, noch zum Zeitvertreib, wie beinahe alle Hunde, noch zum Gebrauch für die Tafel, wie den Ochsen, das Schwein, den Hammel, unterhalten hat. Man hat aus demselben nie etwas anders als ein Lasttier gemacht.

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